Viniyoga – der Yoga für den Menschen von heute

Krishnamacharya gilt als der Begründer des modernen Yoga. Doch ebenso durchschlagend, wie seine Lehrmethode im 20. Jahrhundert war, ist sie heute weitgehend vergessen – zumindest dann, wenn man sich unter den gängigen Yoga-Angeboten umschaut.
Vor kurzem war ich in einem zweistündigen Mini-Yoga-Retreat. Die Ausschreibung dazu klang recht vielversprechend: Eine kleine Auszeit für mich mit einer ruhigen Asanapraxis, Atemübungen und eine geführten Meditation. Es war ein ungemütlicher Samstagvormittag nach einer stressigen Woche – nichts wie hin, dachte ich mir. Auszeit ist jetzt genau das richtige.
Gedudel und Kreuzschmerzen
Und eigentlich fing es ja ganz gut an. Die Yogalehrerin hatte den Raum hübsch dekoriert. Überall waren Kerzen, Blumen, Spruchkarten etc. aufgestellt und verteilt. Mit einer Atembetrachtung begann die Stunde. Es wurde still im Raum, Ruhe senkte sich herab. „Schön“, dachte ich mir, „das tut jetzt richtig…“ bevor ich noch „gut“ denken konnte, setzte unvermittelt Meditationsmusik ein, irgendwas gitarren-soundiges, ziemlich laut. Weg war die Ruhe.
Dann ging es vom Sitzen direkt zum Stehen und von dort nach ein paar Drehungen in die Standwaage. „Ambitioniert“, dachte ich mir, „null aufgewärmt in eine anspruchsvolle Balance-Haltung!“
Und dort blieben wir. Drei Atemzüge, vier Atemzüge, fünf… „Das kürze ich jetzt besser ab“, beschloss ich und wechselte in eine entspannte Vorbeuge. Dabei konnte ich mir die anderen Teilnehmer ansehen, die verkrampft und mit rotem Kopf auf ihrem Fuß vor sich hinwackelten. Im Hintergrund der Gitarrensound, auch bei der anschließenden Meditation. Während wir schon in Savasana lagen, suchte die Lehrerin noch nach einer neuen Musik und probierte verschiedenes aus. Meiner inneren Ruhe war das nicht zuträglich. Ich war froh, als die Stunde vorbei war. Entspannt fühlte ich mich weder im Kopf noch im Körper, dafür spürte ich meinen Rücken auf die unangenehme Weise.
Viniyoga bietet die Alternative
Krishnamacharya und sein Sohn Desikachar entwickelten eine Unterrichtsmethode, die sich entscheidend von den meisten anderen Yoga-Erfahrungen abhebt.
Oberster Grundsatz: Yoga passt sich dem Menschen an, nicht umgekehrt.
Das Individuum, also der einzelne Übende, steht im Mittelpunkt mit all seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen.
Für diese Methode verwendet man auch die Bezeichnung „Viniyoga“, was eine „angemessene Anwendung des Yoga“ bedeutet.
Konkretisiert an einem Beispiel:
Da die meisten von uns einen Großteil ihrer Zeit im Sitzen und vor dem PC zubringen ist es sinnvoll, die Körperübungen darauf abzustimmen: Damit stehen im Vordergrund die Dehnung der Beinrückseiten, Hüftöffner sowie Asanas für die Beweglichkeit von Wirbelsäule und Schultern.
Weil wir unter Stress und Anspannung tendenziell oberflächlich atmen, geben ausgewählte Atembetrachtungen und -übungen den Anstoß zu einer vertiefteren Atmung.
Und weil der Lärm des Alltags ohnehin schon laut genug ist (denken wir nur mal an das „Pling“ eingehender Mails, das Dauerbrummen vom Handy im Lautlos-Modus, an fünf Telefonate im Großraumbüro gleichzeitig), ist Musikgedudel der Stille im Kopf gewiss abträglich.
Anspruchsvolle Asanas ohne die entsprechende Vorbereitung des Körpers gibt es im Viniyoga jedenfalls nicht. An jedes Asana bzw. jede Abfolge von Asanas wird mit leichteren Haltungen Schritt für Schritt herangeführt. Zudem gibt es Alternativen, je nachdem, wie intensiv man üben kann oder mag. Um das zu beurteilen, ziehen wir außerdem den Atem als Gradmesser zu Rate. Geht der Atem zu schnell oder bin ich außer Atem, dann ist es gerade zu herausfordernd für mich. Ist der Atem im Fluss, habe ich meine Kraft gut eingeteilt.
Über die Meditation, den Höhepunkt und Abschluss einer Yogapraxis, und die ersehnte Ruhe im Kopf lest ihr im nächsten Beitrag.
The many shades of Yoga…
Jeder Mensch kann Yoga praktizieren, solange er atmet.
Sri T. Krishnamacharya

Man hat den Eindruck, Yoga gibt‘s mittlerweile an jeder Ecke. In der Früh an der Tramhaltestelle: Leute mit Yogamatte unter dem Arm. Beim Rundgang durch die Stadt: Ein Yogastudio hier, eine Yogaschule dort. Angeboten wird Power-Yoga, Dance-Yoga, Jivamukti-Yoga, Ashtanga-Yoga, Kundalini-Yoga, Yoga für Männer, Yoga mit Hunden. Und auf YouTube turnen einem unter dem Stichwort „Yoga“ sofort junge, schöne, supergelenkige Mädels entgegen.
„Yoga ist ja ein totaler Hype geworden“, meinte ein Freund kürzlich. „Aber ganz ehrlich, unter den ganzen Youngsters, die bei poppiger Musik ihren Körper verdrehen, fühle ich mich nicht wohl. Dabei würde ich es gerne mal probieren!“
Eine gute Gelegenheit, mal einen Beitrag über die Ursprünge von Yoga zu schreiben.
Wann und wo Yoga herkommt
Die Anfänge des Yoga liegen ungefähr 3500 Jahre zurück. In dieser Zeit haben nur wenige Menschen, genauer gesagt: Männer, Yoga praktiziert. Diese frühen Yogis führten ein Leben ins Askese, abgeschieden in den Bergen Indiens. Ihr Fokus lag auf dem spirituellen Aspekt von Yoga, in der Meditation und der Vertiefung in das Innere.
Erst im 15. Jahrhundert wurde Yoga von einer breiteren Bevölkerungsschicht praktiziert. Kleine Gemeinschaften fanden sich um einen spirituellen Lehrer zusammen, einen „guru“.
Nach Europa gekommen ist Yoga über Umwege. Wichtigster Wegbereiter auf dieser Reise war TKV Desikachar, der 1976 in Madras, dem heutigen Chennai, eine Yogaschule eingerichtet hatte und dort eine revolutionäre Methode etablierte: Desikachars Unterricht ging auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Schülers ein, also auf die körperliche, emotionale und seelische Verfassung jedes und jeder einzelnen. Die Grundlage dieses Unterrichts lag wiederum in der Lehre von Desikachars Vater, des berühmten Tirumalai Krishnamacharya. Er gilt mit seiner Anpassung des jahrhundertealten, klassischen Yoga an die Bedürfnisse des modernen Menschen als Begründer des modernen Yoga.
Mit Gary Kraftsow, einem der Schüler von Desikachar, fand Yoga Ende der 1980er-Jahre in den USA Ausbreitung und schrieb von dort aus über London und Berlin kommend europäische Erfolgsgeschichte.
Yoga heute
Im gängigen Yogaunterricht, wie man ihn heute in Fitnessclubs, Yogastudios oder YouTube-Videos erlebt, hat sich von Desikachars Lehre kaum etwas erhalten.
Die Leute tragen die neuesten Yogastyles am Körper, im Hintergrund dudelt chillige Musik und ein Asana jagt das Nächste.
Wer zur Ruhe kommen will, seinem Körper und seiner Innenwelt etwas Gutes tun will, der fühlt sich unweigerlich fehl am Platz.
Aber es gibt ihn noch, den Yoga Desikachars und Krishnamacharyas. Was daran so toll ist und warum er von den „many shades of yoga“ so wohltuend absticht, das lest ihr ihm im nächsten Beitrag.
Von Entscheidungen
Wir kennen es alle: das bittere Gefühl, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Es hinterlässt einen schalen Geschmack auf der Zunge und den nagenden Verdacht, dass wir es eigentlich schon geahnt haben. Der Chef ist genauso unsympathisch, wie er mir im Vorstellungsgespräch vorkam, die Wohnung noch lauter, als bei der Besichtigung erlebt und die Bitte, die Yogakurse einer Kollegin gelegentlich zu vertreten, wird zur Daueraufgabe. Und das grundsätzlich last minute, als hätte ich sonst nichts zu tun.
Was hat mich bloß dazu bewogen, „ja“ zu sagen?
Der Yoga in seiner Eigenschaft als Weisheitslehre würde jetzt sagen: Es ist deine Unklarheit, die dich schneller dazu verleitet, „falsche“ Entscheidungen zu treffen. Also Entscheidungen, die zu Zuständen führen, die deinem innersten Wesen widerstreben, die sich nicht stimmig anfühlen und die dir letztlich nicht gut tun.
Doch wie löst man dieses Problem? Wie kann ich lernen, in herausfordernden Situationen klarere Entscheidungen zu treffen?
Eine der wichtigsten Schriften des Yoga gibt uns dazu eine Hilfestellung: Das Yogasutra des Patanjali. Dort heisst die simple Erklärung dafür, was Yoga eigentlich ist, „Yogah cittavrtti-nirodah“, was so viel bedeutet wie „Yoga ist der Zustand, in dem die Bewegungen des (denkenden) Geistes in eine wache Stille übergehen.“
Klingt gut, magst du jetzt sagen, aber was genau ist mit dieser „wachen Stille“ gemeint?
Stell‘ dir mal einen Gebirgssee vor. Das Wasser ist klar wir Glas, du kannst direkt auf den Grund hinunter schauen und jedes kleine Steinchen, jedes Blatt und jeden Fisch, der sich durch das Wasser bewegt, erkennen. Und wenn du auf die Wasseroberfläche schaust, dann kannst erkennen, wie sich die umliegende Umgebung in dem klaren, ruhigen Wasser spiegelt: Bäume, Berge, der Himmel. Du siehst alles sehr klar und kannst genau unterscheiden: Was du im Wasser siehst, ist tatsächlich da, nur eben unter Wasser. Was sich in der Oberfläche spiegelt, ist nur eine Spiegelung: Sieht zwar täuschend echt aus, aber du weisst natürlich, dass das nicht die „echten“ Bäume, die Berge oder der Himmel sind. Wenn wir nun ein Steinchen auf die Wasseroberfläche werfen, dann entstehen Wellen. Und diese Wellen verzerren das eigentlich klare Spiegelbild der Bäume, der Berge und des Himmels. Werfen wir viele Steine in das Wasser, dann wirbeln wir den Untergrund damit auf und das Wasser wird trüb. Dann können wir nicht mehr bis auf den Grund des Sees sehen.
Ähnlich verhält es sich mit der „wachen Stille“, von der uns Patanjali berichtet und mit der er den Zustand von Yoga definiert. In dieser wachen Stille sind wir klar, wir sehen das, was ist, ohne etwas anderes, was nicht ist, darauf zu projizieren oder den klaren Durchblick zu verlieren.
In kniffligen Situationen oder wenn schwierige Entscheidungen anstehen, dann kann uns die Klarheit des Yoga ebenfalls helfen – indem wir klar sehen, was der nötige nächste Schritt ist.
